Ich war nun seit gut zwei Wochen in Perth und hatte mich in den letzten Tagen entschlossen erst mal zurück nach Darwin zu fliegen. 4000 km ging es also wieder Richtung Norden in mein tropisches Darwin. Inzwischen liebte ich diesen Moment, wenn ich die Türschwelle des Flugzeuges übertrat, mich auf der Flugzeugtreppe befand und mich diese einzigartige Wand der feuchten und zugleich warmen, tropischen Luft mit voller Wucht erschlug. Aber wenige Schritte weiter gelang man schon in den Innenbereich des Flughafengebäudes bzw. eines Kühlschrankes. In Darwin sind viele Gebäude, Busse etc. einfach richtig schön runtergekühlt. Und dieser Moment von draußen nach drinnen, drinnen nach draußen, achja, ich liebte es einfach.

Naja…Mit Anja und Andy hatte ich ausgemacht, dass sie mich am Flughafen abholen. Zunächst war keiner zu sehen. Doch dann bekam ich eine typisch Anja bzw. Andy aussagekräftige Textmessage: “Call”, dann eine zweite “Where r u”. Nach kurzem Hin und Her fanden wir uns dann aber gegenseitig und ich stieg bei Anja mit ins Auto ein, wo Andy auch schon auf mich wartete. Dann ging es über den Highway zurück in die City. Das Wetter war wie immer: sonnig. Als Andy dann allen ernstes mitten auf dem Highway ein Sixpack Carlton Draught auspackte und mich mit “Welcome back home, Darling” willkommen hieß wusste ich wirklich, dass Darwin mittlerweile mein Zuhause in Australien geworden war und ich wahnsinnig froh war, solche Leute kennengelernt zu haben.

Ich muss zugeben, nach meiner Abreise aus Darwin Ende September hatte ich in Melbourne nur ab und an getrunken, in Perth überhaupt nicht. Die Geste mit dem Bier auf der Fahrt vom Flughafen in die City war einfach nur genial und typisch Darwin eben. “Easy going, Mate”. Das ist hier der Lifestyle, hehe. Ich fands auch so klasse, dass man, vor allem unter Backpackern, kaum auf sein Äußeres achten musste. Unter Backpackern galt oft einfach die Devise: Lieber praktisch, als stylish. Nochmal schnell zum Thailänder um die Ecke, aber keine Lust auf Schuhe? Egal, dann halt barfuß, keiner guckt einen deswegen schräg an. Und das war ziemlich lässig.

Ich zog also erst mal wieder bei Andy ein und machte mir nun Gedanken, wie es weiter gehen sollte. Es war Anfang Dezember und ich war unsicher, was ich tun sollte. Ich mein, ich wollte schon gerne über Weihnachten hier sein, da ich hier eben einige bereits kenne und ja, quasi zuhause war. Andererseits waren es noch gut 3,5 Wochen bis Weihnachten und das würde sich schon ganz schön ziehen von der Zeit her. Denn Darwin ist halt doch eher klein und so wahnsinnig viel zu tun und zu sehen, wie bspw. in Sydney, gibt es hier nicht. Inzwischen war ja auch Laura längst wieder weg. Sie war am 31.10 schon nach Deutschland zurück, da ihr Touristenvisum abgelaufen war.

Wir hatten uns irgendwie immer verpasst. Ich war mit Nazli auf Bali, als wir zurück kamen, war Laura mit Sam und Dan auf dem Trip an der Westküste, dann bin ich ja aus Darwin weg nach Melbourne und Laura war Mitte/Ende Oktober eben wieder in Darwin und Andyg zurück nach Deutschland. Ich bin dann aber noch nach Perth und kam erst Anfang Dezember wieder. Ich entschied mich dann aber auf jeden Fall bis Weihnachten zu bleiben. Auch wenn ich schon etwas Angst vor der Langeweile hatte, aber einen anderen Plan gab es irgendwie nicht. Eine andere Sache war dann auch noch New Year’s Eve. Denn Silvester wollte ich natürlich, wie fast ganz Australien, traditionell in Sydney feiern. Nur Anfang Dezember den Silvesterabend in Sydney planen ist halt im Prinzip völlig für die Tonne.

Da muss man so gesehen schon ein halbes Jahr vorher gucken, damit man ein Zimmer zu akzeptablen Preisen bekommt. Naja, und so begann für mich irgendwie ein „Alltag“ in Darwin. Ein Alltag aus Langeweile, Rumchillen, Trinken, Rauchen und Essen. Eigentlich ein perfektes Leben, da ich nichts zu tun hatte und machen konnte, was ich wollte. Also Andy ging morgens immer gegen 9 Uhr arbeiten, entweder ließ er sich mit dem Taxi in die Stadt fahren oder Anja holte ihn an. Gegen 9 oder 10 stand ich dann auf und frühstückte etwas. So um 11 oder 12 nahm ich dann den Bus in die City und schaute in den Souvenirshops vorbei und hing rum.
Gegen 13 Uhr traf ich mich jeden Tag mit Anja und Andy zum obligatorischen Mittagessen im Monsoons. Manchmal kam auch Steve, ein befreundeter Friseur dazu. Ab und an auch Alex. Alex – ein Thema für sich. Alex, kommt ursprünglich aus dem wunderschönen Mauritius im indischen Ozean. Alex kommt aus sehr, sehr reichen Verhältnissen, laut Andy wurde Alex’s Mutter bei einem Besuch in Darwin mit dem Hubschrauber eingeAndygen. Soweit ich das richtig verstanden habe, war Alex eigentlich auf einem Segeltrip um die Welt und war irgendwann auch am Hafen in Darwin angekommen. Dort gab es irgendwelche Probleme mit Behörden oder sowas und Andy war zufällig dort oder irgendwie sowas und half Alex dann aus. So entwickelte sich eine Freundschaft, Bekanntschaft, Feindschaft, wie auch immer man es betrachten möchte. Warum? Das wird sich zeigen. Alex ließ sich jedenfalls in Darwin nieder, da er das Leben und den Lifestyle in Darwin jeden Tag sichtlich genoss.

Jedenfalls waren wir jeden Tag im Monsoons essen, hatten unseren Stammplatz, kannten alle Bedienungen und bekamen täglich unseren Kaffee kostenfrei. Zum Essen gab es immer ein, zwei oder drei “Jug’s” Bier. In Deutschland kennt man sie als “Pitcher”, also quasi eine Kanne Bier. Für Anja und Andy gab es dann einen Kaugummi und es ging zurück hinter den Tresen der Souvenirshops. Ron, der Chef hatte 3 Stück und einen Hut-Shop mit Reinigungsdienstleistung für Klamotten. Alle Läden waren in unmittelbarer Nachbarschaft von max. 50m, also quasi alle nebeneinander. Anja wechselte regelmäßig und war mal hier, mal dort eingeteilt.

Andy hatte einen Laden “für sich” und pflegte ihn daher auch mit allergrößtem Stolz. Für ihn war es sein Laden und es galt: er war der genialste, erfolgreichste Verkäufer von allen, er war der “Moneymaker”. Vor allem wenn mal wieder eine größere Reisegruppe die Souvenirshops stürmte, verstand er sein Handwerk. Ron und Andy verstanden sich sehr gut. Deshalb machte Andy auch keinen Terror, als die Klimaanlage im Souvenirshop ausfiel und ein paar Tage defekt war. Laut australischem Gesetz hat der Arbeitnehmer ein Recht auf eine funktionsfähige Klimaanlage und kann einfach heimgehen, wenn diese bei einem Defekt nicht innerhalb von 24 Stunden wieder instand gesetzt wird. Aber so war Andy nicht.

Naja, nach dem Mittagsessen ging ich jeden Tag erst mal in die Library und surfte im Internet. Es war dann die Zeit, zu der man in Deutschland gerade am Aufstehen war. Dann ging ich oft noch bisschen was im Coles im Mitchell Centre einkaufen, Süßkram, Bier, Essen für den Abend, Zigaretten für Andy…Apropos Zigaretten! Die Hinweise hinsichtlich der Schädlichkeit auf deutschen Verpackungen sind ja schön und gut, aber schau mal, wie die Aussies das handhaben…

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Das ist doch mal konsequent, oder? Und nicht nur das: Rauchen ist in Australien sehr teuer und hoch geahndet:  eine einzige 20er Zigarettenpackung kostet etwa 14 EUR! Wer an Plätzen raucht, an denen es eigentlich verboten ist, der kann mit 10.000 $AUD Sofortstrafe rechnen, wenn er von der Polizei erwischt wird. Bei Wiederholung geht die Strafe bis auf 20.000 $AUD hoch. Im Oktober 2013 entschied das EU Parlament in Straßburg übrigens, solche Bilder in Zukunft (frühestens ab 2016) auch auf unseren Verpackungen einzuführen.

Nach dem Einkaufen machte ich regelmäßig noch einen Nap auf “meiner Bank” im Esplanades Park, um das Bier aus der Mittagspause zu verdauen. Der Esplanade Park war eine Grünanlage in der City mit direkter Sicht auf den weiten Ozean, von dem Darwin umgeben ist. Es gibt hier einen kleinen Weg, der zum steinigen Strand führt. Im Park und in den am Abhang gepflanzten Büschen hausten auch einige obdachlose Aboriginals, die man hier tagsüber auch bei Ihrem “Sit-Down” trinken und gammeln sah. Deswegen nennt man das Geld, welches Sie vom Staat erhalten, auch umgangssprachlich „Sit-Down Money“.  Jedenfalls gibt es im Esplanades Park eine Bank, auf der ich mich regelmäßig zum Nap verleiten ließ, Musik hörte oder einfach nur nachdachte. Der Esplanades Park ist erhöht gelegen und von der Bank hatte man einen geilen Ausblick auf den Ozean.

Es war “Meine Bank” geworden.
Einmal hab ich mich zu den rumsitzenden Aboriginals dazugesetzt und ein bisschen mit denen geredet. Sie waren halt alle ziemlich besoffen, hatten aber Spaß mit mir und meiner Kamera. Sie nahmen mich dann in „ihre Familie“ auf. Ich bekam deshalb eine Schwester, eine Mutter namens „Francis“ und einen Papa, den „Ron“. Es waren noch mehr Aboriginals da, aber deren Namen weiß ich nicht mehr. Auch ein anderer „Weißer“, ein Obdachloser aus England saß mit uns in der Runde. Ein bisschen eklig war es schon, alle stanken ein bisschen nach Schweiß, die Töpfe mit irgendwelchen pampigen Resten von Reis-Eintopf waren voll von etlichen Moskitos und es wurde trotzdem noch daraus gegessen. Mama Francis nannte mich „Sunhine Toby“, weil ich wohl immer grinste und so fröhlich wirkte.

Es kam dann aber vor, dass sich Francis und der Engländer stritten. Und zwar so stark, dass die beiden anfingen sich für einige Sekunden zu kloppen. Ich wusste nicht, wie ich reagieren soll. Sie schlugen sich richtig mit Fäusten und keiner der anderen unternahm irgendwas. Unter Aboriginals sind diese Kämpfe ja auch offenbar normal. Es war dann aber auch schnell vorbei, Francis entschuldigte sich bei mir und sagte, sie wollte nicht, dass ich sowas sehen muss. Mit Francis tauschte ich zum Schluss sogar Handynummer und Adresse aus.
Als ich mich dann noch bei Papa Ron verabschiedete, weil ich langsam wieder nach Hause nach Parap fahren wollte, fing er an zu weinen. Ungelogen – mit zitternder Stimme sagte er mir, dass er nicht will, dass ich gehe und sie verlasse und all sowas. Ich wusste wieder nicht, wie ich reagieren soll. Ich kannte ihn gerade mal seit einer Stunde oder so und er zieht voll das melankonische Abschiedsdrama ab. Naja, er war einfach total zugedröhnt, das war wohl der eigentliche Grund, nicht die Liebe zu seinem neuen „Sohn“ ;).

Francis rief mich einige Wochen später tatsächlich mal an, ich bin aber nicht rangegangen. Immerhin habe ich ihr aber eine Postkarte geschickt. Die Adresse war irgendeine Art Übernachtungsstation für obdachlose Aboriginals glaube ich. Danach haben wir aber nichts mehr voneinander gehört. Alles in Allem waren die aber alle schon echt in Ordnung, ich mochte die Aboriginals.

Am Nachmittag eines Arbeitstages bin ich üblicherweise gegen 16 oder 17 Uhr dann erst mal zu Anja und Andy in den Souvenirshops zurück und je nach dem wann Andy Feierabend machte, bin ich dann direkt nach Hause gefahren. Manchmal arbeitete Andy länger, dann bin ich mit Anja im Auto heimgefahren. Manchmal bin ich früher heim, dann aber mit dem Bus. An anderen Tagen nahm ich mit Andy aber auch das Taxi. Das war dann, wenn Andy mit mir unbedingt nach Feierabend nochmal auf ein Bier ins Monsoons wollte. Das letzte war ja schon 3 Std her (Ironie). Also gingen wir manchmal nochmal nach Feierabend ins Monsoons.
Mich nervte das immer ein bisschen, da Andy dort dann immer irgendwelche anderen Leute traf, denn er kennt halb Darwin persönlich. Travis, Steve, Lotty, Andrew, Alex… ach, manchmal rief Andy sie einfach schnell an und sie kamen kurzerhand vorbei oder eben zufällig, wie es gerade so kam. Später fuhren wir mit dem Taxi nach Parap: kochen, fernsehen, auf der Terrasse Bier trinken & rauchen und über Gott und die Welt reden war tagtägliches Programm. Richtig chillig halt – typisch Darwin. Und abends, als es dann dunkel wurde und die Frösche langsam anfingen laut zu “quaken” und die Aboriginals in der Umgebung noch deutlicher zu hören waren fand ich es immer am tollsten. Das ergab einfach eine Atmosphäre. Tropisches Top-End halt – typisch Darwin.

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