Ich checkte am nächsten Tag also wieder aus und fuhr mit dem Bus nach Parap. Ich ging über die Terrasse rein, die Tür war wie immer offen. Übrigens gibt es in Australien irgendwie kaum Klingeln. Außer jetzt vielleicht in mehrstöckigen Bauten, wie bspw. dem Apartment wo wir kurz vor unserer Reise zur Great Ocean Road bei Holger zu Besuch waren. Da gab es Klingeln und eben das Eingabefeld für den Türcode. Aber sonst, bei Häusern, die ebenerdig sind mir irgendwie nirgends Klingeln aufgefallen.

Es lief Radio und Andy war am putzen und sich richten. Es war ungewöhnlich in in langer Jeans zu sehen. Normalerweise trägt man hier in Darwin keine langen Hosen. Die Menschen hier besitzen üblicherweise nicht mal eine Jacke in Ihrem Kleiderschrank. Brauch man ja auch nicht, wenn es das ganze Jahr über nicht kalt wird. Andy begrüßte mich wieder zurück zu Hause, entschuldige sich kurz für alles und sagte dann, dass er gleich auf eine Geburtstagsfeier eingeladen sei. Ich fands ganz cool, so hatte ich die Unit für mich und meine Ruhe. Er wirkte doch wieder recht normal mir gegenüber und nicht mehr sauer. Er wollte ab nun besser mit mir umgehen, so sagte er. Während den nächsten Tagen war erst mal wieder alles normal.
Als ich eines Morgens wieder in die City kam und in Andy’s Shop reinschaute stand er dort mit einer kleinen, gut 40 jährigen Dame und stellte mich ihr gleich vor. Ihr Name ist Kathy und sie kommt aus Sydney.

Sie ist die Frau bzw. Lebensgefährtin von Azé, einem alten Halb Osttimor – halb australischem Schulfreund, der derzeit in Darwin lebt und arbeitet, da er von Sydney wohl einfach mal eine kleine Pause brauchte. Kathy ist halb Italienerin und halb Australierin. Ihr italienisches Temperament merkt man ihr sofort an. Es folgte also ein kurzer Plausch was ich so gemacht habe und plane und so weiter. Ihre Art so extrovertiert und australisch zu reden, gefiel mir und ich fands cool, jemanden vor mir zu haben, der wirklich in Sydney lebt. Als ich dann sagte, dass ich ja eigentlich zu Neujahr auch gerne in Sydney wäre, aber mich nicht früh genug drum gekümmert habe und alles viel zu teuer sei, war das schon nach 20 Minuten, die seit unserem Kennenlernen nun vergangen waren, alles kein Problem mehr für sie. Völlig selbstverständlich bot sie mir an, über Neujahr bei ihr zu schlafen. Ich war natürlich erst skeptisch und etwas zurückhaltend, aber sie vollkommen überzeugt. Sie zückte direkt ihr Handy und zeigte mir Fotos von meinem zukünftigen Schlafzimmer.

Es war das von Azé, der ja aber aktuell und wohl auch noch über Neujahr hinweg in Darwin lebt. Ich dankte, nahm ihr Angebot erst mal zur Kenntnis und sagte, dass wir das später nochmal genauer besprechen. In Darwin war sie die Tage im Holiday Inn oder im 4Seasons untergekommen, ich weiß es nicht mehr genau, aber es war ein schickes Hotel. Ich weiß nicht genau, wo Azé hier in Darwin lebte, aber jedenfalls schlief sie im Hotel und nicht bei ihm. Sie war vorher noch nicht hier oben und kannte sich noch nicht gut aus, deshalb lief ich mit ihr zum Woolworth’s rüber, um mit ihr ein paar Sachen einzukaufen. Anschließend ging sie in ihr Hotel und am Mittag trafen wir uns alle, also Andy, Anja, Kathy, Azé und auch ich im Monsoons zum Mittagessen. Dort lernte ich Azé dann auch mal kennen.

Es war ein gut aussehender braun gebrannter junger Mann mit halb Glatze bzw. sehr kurzen Haaren. Azé und Kathy waren im Prinzip genau gegensätzlich. Sie ist die total extrovertierte Lady mit halb italienischem Temperament und er grinst ab und zu, ist aber ansonsten ziemlich ruhig und lässt seine Dame gerne viel reden. Kathy stellte mir Azé als “He’s my asshole’ vor und erklärte, dass sie ihn immer so nennt, weil er einfach ein Arschloch sei. Aber halt eines, das sie liebt. Das Ganze war natürlich lustig gemeint und so sagte sie das auch. Azé sagte nicht viel dazu, er schmunzelte und ließ oft nur seine Augen und seine Mimik sprechen.

Ja, Katy besuchte also gut 1 Woche lang Darwin und fühlte sich bereits nach dem ersten Tag total gelangweilt. Die Stadt war ihr zu klein und mit zu wenig Menschen. Ich verstand sehr gut was sie meinte. Sie vermisste ihre Stadt und freute sich schon auf den Rückflug nach Sydney.
Als die beiden am letzten Tag vor Katys Rückreise noch mal bei Andy und mir in der Unit zu ein paar “nibbles” (wie man kleine Häppchen in Australien nennt) vorbeikamen, stand ich mit Katy in der Küche und schnitt Tomaten. Im Gespräch erzählte sie mir dann, dass Azé ihr früher schon fremdgegangen war und sie jetzt glaubt, dass er es wieder tut, sie aber keinen konkreten Verdacht hat. Ich wusste jetzt auch nicht, was ich ihr da sagen oder raten soll, war aber überrascht darüber. So hätte ich ihn eigentlich nicht eingeschätzt.

Wir saßen alle bei Bier und Wein auf der Veranda und unterhielten uns über Andy’s und Azé’s gemeinsame Kindheit im Kloster und über viele andere Dinge. Als wir uns später alle verabschiedeten, Andyssen bei Katy einige Tränen. Sie hatte in Andy einen perfekten Gesprächspartner gefunden, mit dem Sie über alles sprach. Er kannte Azé sehr gut und durch seine Homosexualität ist Andy oft der perfekte Kumpeltyp für Frauen. Katy lernte Andy in dieser einen Woche kennen, lieben und schätzte ihn sehr. Seine Lebensfreude und offene herzensgute Art faszinierte sie. Klar, mir ging das in den ersten Tagen und Wochen, als ich Andy kennenlernte genauso. Aber Katy kannte Andy’s andere Seite nicht, dachte ich mir innerlich. Sie tauschten noch Nummern und Adresse aus und gingen dann Heim bzw. ins Hotel.
Andy kennt ja recht viele Leute und so kam es auch, dass er öfter bei irgendwelchen reichen Bekanntschaften aus Darwin gegen ein bisschen Geld auf offiziellen Empfängen servierte. Er fragte mich, ob ich mithelfen würde, aber ich lehnte natürlich ab. Er hätte mir zwar einen passenden Anzug besorgen können, aber auf solchen Veranstaltungen Champagner zu servieren lag mir wirklich nicht. Ich überließ das dann lieber ihm und Alex.

Ja, Alex und sogar auch einmal Anil waren dabei. Zu Andy’s Leidwesen. Schon nach dem ersten Mal, bei dem Alex Andy zu Seite stand, gab es riesen Zoff. Ich weiß heute noch, wie sie sie sich bei uns in der Unit alle schick machten und mir Alex seine extra für ihn maßgeschneiderten Schuhe für 300 EUR zeigte. Als sie jedenfalls wiederkamen, war Andy total sauer auf Alex, weil Alex einfach nicht auf ihn hörte. Andy sah sich halt als Chef der Gruppe, vor allem weil er die Veranstalter und viele andere Leute selbst kannte und Alex, Anil etc. von sich aus mitbrachte und anlernte. Aber Alex kommt ja wie schon erwähnt aus steinreichem Haus und wollte das wohl auch zeigen. Er ordnete sich Andy halt nicht unter und meinte, er weiß wie man mit den dortigen Besuchern umgeht.

Ich persönlich kann es nicht beurteilen, ich war nie mit gewesen, aber kann es mir von den Erzählungen ziemlich gut vorstellen. Es waren unter anderen Veranstaltungen aus dem Hause Paspaley Pearls, dem größten Perlen und Diamanten Hersteller und Händler in Australien, die in Darwin ihr Headquarter haben. Es ist ein langjähriger Familienbesitz in mehreren Generationen. Auf diesen Veranstaltungen traf sich eben die High Society und gab dort mitunter auch mal 30.000 AUD für eine Kette aus.
Interessiert hätte mich so ein Empfang zwar schon mal, aber auf die ganzen Leute, mit denen Andy und ich dann hätten reden müssen und die hochsensible Beachtung von bestimmten Verhaltensregeln hatte ich keine Lust. Katy war vor einigen Tagen bereits abgereist, doch sie rief ziemlich häufig bei Andy an, um zu reden. Abends als wir bei Bier, Wein und Essen zusammen saßen klingelte sein Handy und manchmal sprachen sie über 2 Stunden hinweg. Ich sprach auch ab und zu kurz mit ihr, aber sooo viel hatten wir dann auch nicht zu reden.

Azé war ja noch immer in Darwin und schaute abends ab und zu mal bei uns vorbei. Sein Lieblingsgetränk war Jim Beam Bourbon Whiskey mit Cola, das er auch selber immer mitbrachte. Als dann an einem Abend auch Andy’s gute Freundin MoAnja anrief, lud Andy sie direkt ein kurz rüber zu kommen. Ich weiß noch, dass mich das damals ziemlich genervt hatte, da ich mich an dem Abend auf einen ruhigen Abend allein gefreut hatte, aber nein, Andy lud direkt wieder jemanden ein. MoAnja kannte ich noch nicht persönlich, deshalb erzählte Andy natürlich von mir.
Jedenfalls saßen wir dann bei ein paar Bier und Joints mit Azé und MoAnja zuerst draußen zusammen, als es dann aber fürchterlich anfing zu regnen, ging es in gemütlicher Runde drinnen weiter. Im Gespräch mit MoAnja erwähnte ich, dass ich bald auch in den Kakadu National Park möchte. Sie bot mir daraufhin an, einen Freund zu kontaktieren, der im Kakadu Hubschrauberflüge anbietet. Ziemlich cool dachte ich, wenn das das klappen würde ?! Leider wurde daraus aber nie etwas, im Kakadu war ich zwar, aber den halb geplanten Hubschrauberflug gab es nie.

Zwischenzeitlich schmiedete ich einige nähere Pläne hinsichtlich Silvester. Über Facebook stand ich ja nach wie vor noch regelmäßig mit meinen Bekanntschaften aus Melbourne in Kontakt. So stellte sich heraus, dass Marissa zwar über Silvester leider nicht nach Sydney fliegt, aber dafür Shirley mit einigen taiwanesischen Freunden. Ich mein, so innig war unser Verhältnis in Melbourne jetzt zwar auch nicht, aber Shirley bot mir an, mit ihr und ihren Freunden zu feiern. Und da ich die Asiaten eh sehr gerne mag, freute ich mich riesig und sagte ihr zu, so dass wir uns alle in Sydney treffen werden. Mein Plan war es dann, Weihnachten noch in Darwin zu sein und am 26.12, also am Boxing Day, dem Tag nach dem Weihnachtsfest (Weihnachten ist in Australien auch am 25.12.), dann nach Sydney zu fliegen. Ich schreib Katy vorsichtig eine SMS, da ich ja irgendwie fragen wollte, ob das ihrerseits in Ordnung ginge.

Immerhin käme ich ja dann schon etwas vor dem 31.12 und auch noch direkt am Boxing Day. Doch für sie ging das in Ordnung. Als ich Andy später davon erzählte, war er nicht sehr erfreut. Zunächst mal war es für ihn selber nicht schön, dass ich am Boxing Day, an dem für ihn als Katholik so wichtigen Tag, Darwin und damit auch ihn verlassen wollte. Am Boxing Day verlässt man eine andere Person nicht. Nun war es aber so, dass ich halt die Flugpreise verglichen hatte und der beste Flug nun mal der am Boxing Day war. Es gab zwar noch welche die so günstig waren, aber dann hätte ich noch vor Weihnachten fliegen müssen. Und nach Weihnachten werden vor allem die Flüge nach Sydney besonders teuer. Ich fand, er dramatisierte, aber ok. Und zum zweiten fand er es unhöflich von mir, Katy an diesem Tag, also noch in der Weihnachtszeit mit meiner Ankunft zur Last zu fallen. Er sagte, ich sollte sie anrufen und mit ihr vereinbaren, dass ich wann anders komme. Aber ich wollte nicht, preislich gesehen und überhaupt, machte es einfach 0 Sinn. Ich wollte ja eh so schnell wie möglich nach Weihnachten aus Darwin weg, zu lang war ich jetzt schon hier.

Außerdem habe ich wirklich ganz höflich und vorsichtig bei ihr angefragt und auch gesagt, wenn sie selber mit der Familie Weihnachten in Ruhe feiern möchte, sei das gar kein Problem, dann würde ich selbstverständlich nicht am 26.12. anreisen. Aber sie hatte wirklich nichts dagegen und somit hatte ich eigentlich auch kein schlechtes Gewissen mehr. Schließlich rief Andy Katy doch nochmal kurz an, um sich quasi nochmal zu entschuldigen und nachzufragen, ob das wirklich alles in Ordnung geht. Naja, so ist Andy halt. Letztendlich blieben wir beim 26.12. als Termin für meine Abreise nach Sydney und ich buchte den Flug. Ich war innerlich ziemlich happy, da ich ein neues Ziel, eine neue Etappe, ja ein neues Abenteuer fest vor Augen hatte. Andy war etwas traurig, aber das legte sich recht schnell wieder. Was ich auf jeden Fall noch machen wollte, war eine Tour  zum Kakadu National Park.

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Ich klapperte nach und nach die Pinnwände in den Hostels ab, wo jedermann seine Angebote und Suchanzeigen hinklatschte. Es waren jede Menge interessante Dinge dabei, aber keine für mich passende Anzeige.

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